Fotografieren wir beispielsweise einen Wasserfall oder eine Landschaft mit Wasser und möchten wir, dass das Wasser verläuft, so erfordert dies eine Belichtungszeit von mindestens einer halben bis zu einer Sekunde. Ist die Umgebung jedoch extrem hell, was zum Beispiel um die Mittagszeit fast immer der Fall ist, so können wir diese längeren Belichtungszeiten nicht erzielen, auch wenn wir die Blende auf ihr Minimum schließen. Möchte man aber trotzdem längere Belichtungszeiten erzielen, so kommt der Graufilter zum Einsatz. Dieser wird auch als Neutraldichtefilter oder ND-Filter bezeichnet. Was genau macht der Graufilter?

Verwaschene Meeresbrandung bei 2 Sekunden Belichtungszeit durch den Einsatz eines ND 1.8 Graufilters
Graufilter reduzieren die Intensität von Licht, das in das Objektiv eintritt, indem der Filter Teile der Energie der VIS-Wellenlängen (Wellenlänge des sichtbaren Lichts) absorbiert. Gleichzeitig wird die Farbe des Bildes aber nicht negativ beeinflusst. Mit einem Graufilter lässt sich damit die Intensität des Lichtes steuern, dass ein Überbelichten oder auch ein „Blooming“ auf dem Bildsensor verhindert werden kann („Blooming“ sind die unschönen farbigen Ränder von extrem überbelichteten Bereichen im Bild). Damit werden mit einem Graufilter die Belichtungszeiten verlängert und darüber hinaus kann ein entsprechender Graufilter die Lichtintensität so reduzieren, dass Aufnahmen der Sonne möglich sind, ohne den Bildsensor zu zerstören.
Wie muss ich belichten, wenn ich einen Graufilter einsetze?
Hier ein Beispiel: wir möchten um die Mittagszeit herum bei Sonnenschein einen Wasserfall fotografieren und möchten gerne das Wasser verfließen lassen, was eine Verschlusszeit von mindestens ½ Sekunde erfordert. Der Belichtungsmesser der Kamera ermittelt aber Belichtungswerte von einer Blende 8 und ISO 100 bei einer Verschlusszeit von 1/125 Sekunden, was für diese Lichtverhältnisse normal ist. Das bedeutet, dass das Wasser im Bild nicht verfließen wird, da die Belichtungszeit zu kurz ist. Und auch wenn wir die Blende von 8 auf 16 schließen (2 Blendenwerte), liegt unsere Verschlusszeit immer noch bei 1/30 Sekunde. Um ½ Sekunde zu erzielen müssten wir die Blende auf einen Wert von 8 auf fiktive 96 schließen, denn nur dann hätten wir eine Belichtungszeit von ½ Sekunde (entspricht 6 Blendenwerten). Dies ist aber bei einer Kleinbildkamera technisch nicht möglich. Aus diesem Grund montieren wir jetzt einen Graufilter, der die Lichtmenge um 6 Blendenwerte reduziert und können so mit einer Belichtungseinstellung von Blende 8 bei, ISO 100 und einer Verschlusszeit von ½ Sekunden fotografieren (Langzeitbelichtung). Das Bild ist natürlich richtig belichtet, aber das Wasser verfließt jetzt.

Durch die Langzeitbelichtung sind die Fahrzeuge auf der Autobahn verschwunden. Lediglich die Lichtspuren lassen sind zeigen, wo sich die Autos befunden haben
Das Geheimnis der Blendenwerte
Verstellen wir auf unserer Kamera die Blende von 8 auf eine Blende von 11, so reduzieren wir die Lichtmenge, die auf den Sensor trifft, um die Hälfte. Grund ist, dass wir bei diesem Vorgang die Fläche der Blendenöffnung (das kleine Loch) um die Hälfte verkleinern. In der Gegenrichtung, also wenn wir die Blende von 11 auf 8 verstellen, würden wir die Lichtmenge verdoppeln. Dieses Prinzip des Halbierens oder Verdoppelns von Lichtmengen, ist eine der Grundlagen der Fotografie. Die Schritte des Verdoppelns und Halbierens werden dazu in der Blendenreihe, der Verschlusszeitreihe und in der Empfindlichkeitsreihe beschrieben, die jeder Fotograf kennen sollte. Tabellen zu den unterschiedlichen Reihen findet ihr am Ende dieses Beitrags.
Wie sind Graufilter definiert?
Diese Frage könnten wir auch anders stellen, indem wir danach fragen, wie weiß ich, um wieviel mein Graufilter die Intensität des Lichtes verringert und die Belichtungszeit verlängert?
Heute gibt es eine lange Liste von Firmen, die Graufilter herstellen, wobei Namen wie Hoya, Lee, Schneider Kreuznach und Haida zu den bekanntesten zählen. Wie leider so oft, definieren diese Hersteller die Intensität ihrer Graufilter jedoch auf unterschiedliche Weise. Hier dazu eine Übersicht:
ND-Wert: hier wird der Filter über die sogenannten optischen Dichte definiert. Das Wertespektrum reicht dabei typischerweise von 0,3 bis 6,0. Dabei gilt, dass ein ND-Wert von immer 0,3 1 Blendenwert entspricht. Das bedeutet weiter, dass ein ND-Filter mit einer optischen Dichte von 3,0 10 Blendenwerten entspricht.
Faktor: Das Spektrum des Faktors reicht von einem Wert von 2 (auch manchmal 2x) bis zu einem Wert von 1000000 (1000000x). 2 oder 2x bedeutet, dass die Intensität des Lichtes auf die Hälfte reduziert wird oder 64, dass die Intensität auf ein 64stel reduziert wird. Das bedeutet weiter, dass ein Wert von 2 die halbe Intensität, also 1 Blendenwert entspricht und 64 beispielsweise 6 Blendenwerten (26 = 64).
Stops: manche Hersteller geben die Intensität in Stops an, was übersetzt Blendenwert heißt. 1 Stop entspricht einem Blendenwerten, 6 Stops 6 Blendenwerten oder 10 Stops 10 Blendenwerten.
Jetzt geht es weiter in unserem Beispiel
Wollen wir nun unseren Graufilter (Nd 1.8 / Faktor 64 / Stops 6) einsetzen, so sollte die Belichtung immer ohne Graufilter bestimmt werde. Später ist dies unmöglich, da es im Sucher oder die Anzeige schwarz ist. Da wir Wasser fotografieren, empfiehlt es sich noch zusätzlich einen Polarisationsfilter einzusetzen, um Spiegelungen an der Wasseroberfläche zu reduzieren. Polarisationsfilter schlucken auch Licht und dies meist in der Größe von einem Blendenwert. Dieser Filter sollte unbedingt noch vor der Belichtungsmessung montiert werden. Würden wir es nicht tun, so hätten wir einen Fehler von dieser 1 Blende.
Messen wir jetzt die Belichtung mit dem aufgesteckten Polarisationsfilter, so werden wir vermutlich folgende Werte erhalten: Blende 8, ISO 100 und Verschlusszeit 1/60 Sekunde. Der Unterschied in der Verschlusszeit (1/60 versus 1/125) entspricht diesem 1 Blendenwert.
Montieren wir jetzt unseren Graufilter ND1.8 so wird dieser 6 Blendenwerte Licht schlucken. Das bedeutet, wir müssen die Belichtungszeit jetztauf 1 Sekunde einstellen (1/60 auf 1 Sekunde sind 6 Blendenwerte). Jetzt wird das Wasser verfließen.
Möchten wir aber wirklich nur ½ Sekunde belichten, so wäre das Bild jetzt um diesen 1 Wert zu dunkel. Um es zu korrigieren, müssen wir jetzt die Blende oder die ISO-Empfindlichkeit anpassen. 1 Blendenwert mehr Licht bedeutet, entweder die Blende auf 5,6 zu öffnen oder den ISO-Wert auf 200 zu erhöhen.
Da die Belichtungszeiten im Fall des Beispiels länger als 1/60 Sekunde sind, wird das Bild verwackelt sein, wenn wir es aus der Hand fotografieren. Aus diesem Grund ist die Verwendung eines stabilen Stativs eine Grundvoraussetzung.

Diese Aufnahme des Grazer Hauptbahnhofes enstand an einem Montag um 17 Uhr 32 zur Hauptverkehrszeit. Duurch die Langzeitbelichtung sind fast keine Menschen mehr sichtbar. Verwendet wurde ein Graufilter mit 10 Stops
Was man vielleicht noch wissen sollte
Fotografieren wir beispielsweise sehr zeitig in der Früh, wenn es noch leicht dämmrig ist, dann kann es sehr schnell vorkommen, dass die Belichtung bei einer Blende 8 um vielleicht 1/8 Sekunden oder länger liegt. Und möchten wir wirklich so lange wie möglich belichten, um Wasser „magisch zerflossen“ werden zu lassen, so montieren wir beispielsweise einen Graufilter mit 10 Stops. 10 Blendenwerte längere Belichtung bedeutet jetzt 128 Sekunden. Da bei den handelsüblichen Kameras die maximale Verschlusszeit im „M-Mode“ mit 30 Sekunden limitiert ist, müssen wir jetzt den „BULB-Mode“ der Kamera wechseln. Dieser ist ident zum M-Mode, jedoch bleibt der Verschluss solange geöffnet, solange wir mit dem Finger den Auslöser gedrückt halten. Da dies keine praktikable Lösung ist, kommt hier nun ein Kabelauslöser zum Einsatz, den wir an der Kamera anstecken und der einrasten kann und dabei den Auslöser quasi gedrückt hält. Die Verschlusszeit müssen wir jetzt jedoch selber messen und wir müssen den Auslöser nach der vorgegeben langen Belichtungszeit selbst entriegeln. Bei langen Belichtungszeiten brauchen wir uns keine Sorgen machen, wenn der Verschluss einige Sekunden länger offen ist, als rechnerisch ermittelt. Dies hat keine Auswirkung auf die Belichtung.

Langzeitbelichtung einer Baustellenaufnahme mit 3 Sekunden, wie man aus der Bewegungsunschärfe des Arbeiters erkennen kann
Fazit
Graufilter sind eine Möglichkeit für Fotografen, um besondere Effekte zu erzielen. Angefangen von fließendem Wasser über das magische Verschwinden von Menschen auf belebten Plätzen bis hin zur Sonnenfotografie gibt es noch viel andere Themen, wo sie zum Einsatz kommen können. Voraussetzungen sind die manuelle Steuerung der Belichtung, fotografischen Wissen und Freude am Experimentieren. Wir wünschen aufregende Stunden und außergewöhnliche Fotografien.

Empfindlichkeitsreihe (von einem zum nächsten Wert verdoppelt bzw. halbiert sich dieser gemäß der Lichtmenge)
Inhalt und Foto: copyright by kunzfeld & kunzfeld photography



